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Big Band der Stadtschule spielte beim Landeskonzert in Wiesbaden

450 Mitwirkende beim Landeskonzert

„Schulen in Hessen musizieren“ im Wiesbadener Kurhaus

„Was für ein wunderschöner Abend!“, resümierte der hessische Kultusminister, Prof. Dr. Alexander Lorz, im restlos ausverkauften Friedrich-von-Thiersch-Saal des Wiesbadener Kurhauses am Ende des Landeskonzertes, das alljährlich den Abschluss des vom

Bundesverband Musikunterricht veranstalteten Mammutprojektes „Schulen in Hessen musizieren“ bildet. Bei den vorausgegangenen Regionalbegegnungen hatten sich annähernd 3500 Schülerinnen und Schüler in über 90 Ensembles aller Schulformen und Altersgruppen an zehn Begegnungsorten in Hessen zum Musizieren getroffen.

Musik spricht für sich selbst

Ein besonderes Anliegen dieser groß angelegten, vom Hessischen Kultusministerium umfassend unterstützten Veranstaltungsreihe ist es, neben der Motivation für die eigentliche musikalische Betätigung den Horizont der Schülerinnen und Schüler zu erweitern und in der Begegnung mit der vielseitigen Musikkultur die eigene Lebenswelt immer wieder neu zu erfahren. „Schulen in Hessen musizieren“ bietet somit eine hervorragende Gelegenheit, die Vielgestaltigkeit schulpraktischen Musizierens zu demonstrieren und damit die Notwendigkeit einer intensiven musikalischen Erziehung in allen Schulformen zu unterstreichen.

Für Kultusminister Lorz bedeutet dieses besondere Konzert, bei dem sich rund 450 Schülerinnen und Schüler präsentierten, eine große Bereicherung. Er habe großartig ausgeführte Musik erlebt, die er so noch nie gehört habe, betonte er in seinen Schlussworten. Mit Stolz registriert Lorz „die unglaubliche Qualität, die im Musikunterricht an hessischen Schulen erbracht wird“. Dem Goethe-Wort von der „Herzensbildung“, das die beiden Landes Präsidenten des Bundesverbandes Musikunterricht, Dorothee Graefe-Hessler und Volkhard Stahl, in ihrer Begrüßung angeführt hatten, fügte der Kultusminister Platons „ethische Erziehung des Menschen“ hinzu. Er verwies auf die Freude, die an diesem Abend gespendet wurde und die er verspürt habe: „Musik spricht für sich selbst, wenn man dazu eine Chance erhält.“

Emotionale Intelligenz und Kommunikationsfähigkeit

Neben Lorz und dessen Kabinetts-Kollegen, Finanzminister Thomas Schäfer, konnte das Präsidenten-Tandem zu Beginn der aufwendigen Veranstaltung unter den zahlreichen Gästen die Präsidentin des Landesmusikrates, den Direktor der Landesmusikakademie und die Vorsitzenden des Landeselternbeirats und des Verbandes der Hessischen Musikschulen begrüßen. Dorothee Graefe-Hessler und Volkhard Stahl zitierten Leo Kestenbergs „Erziehung durch Kunst zur Kunst, durch Musik zur Musik“ und forderten die musikalische Bildung für alle, wobei der „emotionalen Intelligenz“ mit Mitgefühl, Kommunikationsfähigkeit, Menschlichkeit, Takt und Respekt wichtige Fähigkeiten zugeschrieben würden: „Die musikalische Bildung fördert Eigenschaften, die wir zur Bildung und Entwicklung emotionaler Intelligenz benötigen: Ausbildung und Stärkung von Selbstbewusstsein, Selbststeuerung, Motivation, Empathie, soziale Kompetenz und Kommunikationsfähigkeit.“

Streuobstwiese und Vogelfutterhaus

Das abwechslungsreiche Programm dieses Landeskonzertes, von Johannes Kaballo perfekt organisiert und gleichermaßen fachkundig wie liebevoll moderiert, bestätigt per se diese Einschätzungen. Den Einstieg bestreiten der Schulchor „Kunterbunt“ und die Klasse 3a der Wendelinusschule Klein-Umstadt. Einen Ausschnitt aus Helmut Maschkes „Das kleine Schaf mit dem großen Herzen“ singen die etwa fünfzig Kinder mit heller Stimme, leuchtend wie ihre zitronengelben T-Shirts und als blickten sie, wie zuhause in ihrem Schulgebäude, auf eine bunte Streuobstwiese. Geschick beweist Werner Kirsch als Leiter, wenn er die Gesangsstimme am Keyboard als Stütze mitspielen lässt. Zwei Titel Lorenz Maierhofers werden mit Orff-Instrumenten wirkungsvoll begleitet, und das Klatschen und muntere Klopfen mit Boomwhackers beim „Vogelfutterhaus“ vermitteln ungetrübte Freude. Feine Echowirkungen zeugen von einer gründlichen Probenarbeit. Da muss lediglich noch die finale gemeinsame Verbeugung geübt werden.

Beinschwenker, Schnattern und Gackern

Mit dem Bonmot „Das hessische Hinterland macht sich auf den Weg in die Landeshauptstadt“ (Johannes Kaballo) bevölkern anschließend 170 junge Musikanten der vereinigten Chöre und der Chorklasse 5/6 der Grundschule Biedenkopf, der Hinterlandschule Standort Steffenberg und der Lahntalschule Biedenkopf die Bühne. Unter der Leitung von Frank Rompf, Christine Haubner und Christina Wege ist mit H. Mosers Europa-Musical ein beeindruckendes, gemeinsam erarbeitetes Musik-Projekt entstanden. Im totalen Unisono,beschwingt und einzelne Passagen begeistert skandierend, singt die große Schar, von Flügel und Cajon begleitet: „Wir bauen Europa“. Dazu liefern sie perfekt koordinierte Hand- und Körperbewegungen. Sanft schunkeln sie im Valse-Musette-Takt bei „Bonjour“. Flink wagen sie bei einem feurigen Kasatschok ein paar Beinschwenker auf engstem Raum und erinnern, bevor sie abschließend fröhlich ins Publikum winken, in einem eindringlichen Appell an denFrieden und an hungernde Kinder und Armut in Dritte-Welt-Ländern.

Welch herausragende Ergebnisse mit einer gründlichen Chorarbeit zu erreichen sind, zeigen Singklasse und Voices 7/8 der Philipp-Reis-Schule Friedrichsdorf mit einem verblüffend kontrastreichen Repertoire. Zu Beginn formt der stimmlich bestens geschulte Chor ein sakrales Stück aus dem 16. Jahrhundert zu kanonisch geführter, harmonisch rein tönender Mehrstimmigkeit. Ebenfalls a cappella liefert das aus der gleichen Zeit stammende „Il est bel et bon“ den weltlichen Kontrast: In einem höchst artifiziellen Chorsatz geht es plappernd, schnatternd und gackernd zu. Henry Purcells koloraturfreudiges „Sound the Trumpets“ erklingt locker und beweglich: Faszinierend, wie der Chorleiter Michael Hollenstein seine rechte Hand nach oben schraubt, um seine Choristen zu mutigen, erstaunlich sauber intonierten Höhenausflügen zu animieren. Kein Wunder, dass das zeitgenössische „Flying Free“, von Klavier-Arpeggien und Flötenkantilenen ummantelt, in gefälligem Sound und wohliger Terzen-Seligkeit luftig, befreit von jeglicher Schwere daherkommt.

Trompetenglanz und Dance-Feeling

Nach all diesen hervorragenden Chorbeiträgen geleiteten die „Elly Phonics“, das Blasorchester der Wiesbadener Elly-Heuss-Schule, das begeisterte Publikum in die Konzertpause: Punktgenau rollen die Bühnenhelfer (Tilman Jerrentrup und sein Schüler-Team) den Schlagzeugteppich aus und schaffen beim reibungslosen, raschen Umbau Stühle und Notenpulte heran. Breit gefächert, von der stattlichen Tuba bis zur zierlichen Piccoloflöte, ist das Instrumentarium der „Elly Phonics“, überstrahlt von einem Trompetenglanz im Dutzendpack. Klangmächtig tönt der Beginn: In einem extravaganten Arrangement der berühmten d-Moll-Toccata zeigen die versierten Bläser, dem exakten Dirigat von Alexandra Schwalbe folgend, was Bach so alles verträgt. Bei „Tuxedo Junction“, eingebettet in weichen Saxofon-Sound, macht sich ein Solotrompeter auf den Weg an die Rampe. Und Henry Mancinis „It Had Better Be Tonight“ gerät danach zu einer wahren Zirkusnummer.

„Sich wohl fühlen und etwas leisten“, lautet das Motto der Stadtschule Schlüchtern. Deren Big Band unter der souveränen und sensiblen Leitung von Andreas Leibold folgt in ihrem Beitrag nach der Pause dieser Maxime notengetreu . Die etwa zwanzig Nachwuchstalente bieten einen professionell anmutenden Sound, rhythmisch exakt bis in die kleinsten synkopierten Einwürfe. Einzelne Soli werden von Parkett und Rang fachkundig akklamiert, bevor dieVokalistin Anika Zills den gefühlvollen Nischen von Elton Johns „Can You Feel The Love Tonight“ intensiv nachgeht. Viel Dampf und cooles Dance-Feeling umweht die Schlussnummer „Uptown Funk“.

Bezaubernde Beigabe und sinfonische Qualitäten

Danach kündigt Johannes Kaballo mit dem Gitarrenensemble der Klassen 9 und 10 der IGS Busecker Tal das „mit Abstand kleinste und leiseste Ensemble“ an. Die zehn Gitarristen und ihr mitspielender Leiter Andreas Jourdan lassen musikalisch Fünf gerade sein und bieten ein stilistisch vielseitiges Programm. Bei aller Abwendung von verstaubten Konventionen erscheint es gleichwohl unüblich, wenn einige junge Damen mit übereinander geschlagenen Beinen musizieren. So fehlt es Piazzollas „Liber Tango“ an letzter Präzision, während Bela Bartoks Petitesse aus „Für Kinder“ der melancholische Touch gut ansteht. Bezaubernd schließlich „Avenir 2015“ dank einer überraschenden und brillanten vokalen Beigabe.

Als letztes Ensemble zeigt das Orchester der Bischof-Neumann-Schule Königstein, geleitet von Mechthild Geißler, in großer Besetzung von etwa siebzig Instrumentalisten erstaunliche sinfonische Qualitäten. Die Tragische Ouvertüre von Johannes Brahms erklingt in einem kurzgefassten Arrangement straff, mit mächtigen, von knalligen Paukenschlägen beflügelten Klangballungen. Auch bei Mozarts Kopfsatz seiner Linzer Sinfonie bewährt sich, wenn auch bei etwas zu massivem Tuttiklang, die auf das Ensemble zugeschnittene Bearbeitung. So wird hier der Mangel an Grundierung (nur ein Kontrabass neben zehn Celli) durch den Einsatz vonPosaunen wettgemacht. Nach dem ernsten Beginn mit Brahms markiert die optimistisch gestimmte Orchesterpracht in R. Vaughan Williams‘ „March“ abschließend ein wohltuendes Gegengewicht.

Klasse Klassik und Beifallsstürme

Zuvor gab es für die Ensembles aus Friedrichsdorf, Buseck und Königstein, die sich erfolgreich um die Bewahrung klassischer Literatur bemühen, die Sonderpreise „Klasse Klassik“, Notengutscheine, gestiftet vom Bärenreiter-Verlag Kassel und überreicht vondessen Vertreter Johannes Mundry, dem Kultusministerund den BMU-Präsidenten.

Bericht von Albrecht Schmidt

Traditionell vereinigten sich zum Anschluss, als die Urkunden an sämtliche mitwirkenden Ensembles verteilt und nochmals Beifallsstürme aufgetürmt waren, alle Mitwirkenden mit Melchior Francks Kanon „Da pacem, Domine“ am rundum tönenden Finale: Auf der Bühne begann das Königsteiner Orchester, und vom Rang fielen alle übrigen Schülerinnen und

Schüler singend oder musizierend ein, die zuvor das Programm gestaltet und sich gegenseitig in vorbildlicher Disziplin zugehört hatten. Sicher wird dieses außergewöhnliche Konzert allen Beteiligten, den Mitwirkenden wie den Zuhörern, in bester Erinnerung bleiben.


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